Abenden und seine Brücken

von: Fj Brandenburg

Es gibt die Annahme, dass Abenden schon zu Zeiten der Römer ein Brückenkopf gewesen sei, worauf die Funde im nahe gelegenen Badewald schließen ließen.

Dieser Rurübergang war aber schon immer problematisch. Eine erste Brücke ist 1375 erwähnt; sie diente den Jülicher Herzögen wohl als Zollstelle. Erwähnt ist die Abendener Zollstelle allerdings erst 1571 als eine von 37 im „Oberquartier“, dem südlichen Teil des Herzogtums. Es handelte sich um einen sog. „Beizoll“, einen Nebenzoll, der durch den Amtmann in Nideggen verpachtet wurde.

1573 wurde die Brücke durch Eis abgetrieben. Die Bevölkerung konnte sich den Wiederaufbau nicht leisten und schlug daher etliche Bäume und legte darauf Wiesentore, um so wenigstens das Vieh darüber leiten zu können. Der Zoll konnte jedoch nicht verpachtet werden, weil Auswärtige diese Konstruktion nicht nutzten.

Die vermutlich älteste Ansicht Abendens entstand 1726. Bei dem Künstler handelte es sich um den wallonischen Vedutenmaler Renier Roidkin, der 1741 im belgischen Spa verstarb und ab 1722 u.a. das Gebiet zwischen Maas und Harz bereist hatte.

 
 

Die wohl älteste Ansicht Abendens malte Renier Roidkin 1726.(Repro: fjb)

 
Ein Vedutenmaler fertigt Stadt- oder Landschaftsgemälde in getreuer Wiedergabe an. Als Bildunterschrift ist (in deutscher Übersetzung) zu lesen: „Ansicht des Dorfes Abenden am Fluss Rur   – abhängig von der Herrschaft Thum – im Jahre 1726“. Das „Roidkin“ hat jemand hinzugefügt.

Die Aufnahme entstand von der „Driesch-Seite“ (Rurweg) aus und zeigt einen einfachen Rurübergang. Die alte Kapelle in der Dorfmitte ist deutlich zu erkennen. Rur aufwärts fährt ein Kahn mit zwei Insassen. Auf den Wiesen des Driesch hütet jemand Vieh. Ein Mann weist zwei Reiter auf etwas in der/auf die Palander Straße hin. Auffallend sind die zahlreichen innerörtlichen Bäume, vor allem die im „Bongert“ und entlang der Rur.

1814 war die Brücke ebenfalls marode und einsturzgefährdet. Der Grund hierfür: man hatte sie vernachlässigt, weil die französischen Besatzer es nicht erlaubt hatten, aus dem öffentlichen Wald das Holz zum Brückenbau zu holen. Grund für die Weigerung war u.a., dass die Brücke vorwiegend von Holzdieben zum Abtransport des aus den Staatsforsten gestohlenen Holzes benutzt werde. Der Papierkrieg zog sich bis 1816 hin. Über sein Ergebnis ist mir nichts bekannt.

In der Neujahrsnacht 1879/1880 kam es auf der Rur zu einem schweren Eisgang. Am 2. Januar 1880 berichtete der Nideggener Bürgermeister, von den vier Stegen in seinem Verwaltungsbezirk sei nur der von Schlagstein erheblich beschädigt worden. „Der Weiler war mit dicken Eismassen übersät. Alles Vieh war aus den Ställen entfernt. In Abenden ist durch rechtzeitiges Wegnehmen die Brücke unversehrt geblieben.“

Noch 1884 war in Abenden bei Hochwasser der Verkehr zwischen den beiden Ortsteilen unterbrochen. In einem Sterbefall mussten die Toten von der linken Rurseite auf dem großen Umweg über Brück und Nideggen auf den Abendener Friedhof geschafft werden.

1897 muss wohl ein Brückenbau über die Rur erfolgt sein. In der Chronik der Familie Riem heißt es nämlich: „Er (gemeint ist der am 19. Juni 1849 geborene Schmied Heinrich Riem) starb am 24. November 1897 an einer Lungenentzündung, welche er sich beim Brückenbau über der Rur zugezogen hatte.“

Die Brücke über die Rur war wohl bis 1907 nicht befahrbar. Nur Fußgänger und Vieh konnten sie benutzen. Für Fahrzeuge gab es von der Palander Straße aus zwei Furten: eine nahe der Brücke, die andere an der Ecke Berrefeldweg. In jenem Jahr wurde die Brücke daher verbreitert und erhielt einen Boden aus Kanthölzern. An den Seiten lagen Eisenplatten für die Fußgänger. Flacheisenstäbe, die sich kreuzten, bildeten das Geländer. Durch die Hufe der Tiere waren die Kanthölzer rasch ausgehöhlt, so dass die Brücke in den Jahren 1925-1926 erneuert werden musste, und zwar aus Beton. Zur Ausführung des Baus schaffte man einen Mischer heran, den ersten, den man im Ort kennenlernte.

Baltar M. Schmitz, der ehemalige Leiter der Lokalredaktion der Dürener Zeitung, hatte seiner Zeit eine unregelmäßige Spalte mit dem Titel „Damals“. Um die Begebenheiten an einem bestimmten Tag vor 100, 75, 50 bzw. 25 Jahren finden zu können, blätterte er jeweils in alten Ausgaben der „Dürener Zeitung“. Am Samstag, dem 9. Januar 1981 verkündete er seiner Leserschaft:

„Vor 100 Jahren (1881): Die durch ihre eigenartige Construction auffallende Holzbrücke in Abenden – dieselbe ist eine Gitterbrücke und ruht nur auf zwei Randpfeilern – ist am Montag polizeilich geschlossen worden. Der Bau einer neuen Holzbrücke oder einer Drahtseilbrücke findet in Abenden wenig Anklang; die Gemeinde möchte lieber eine feste, steinerne Fahrbrücke herstellen.“  

Dass es zum Bau einer neuen Brücke gekommen ist, habe ich bereits im ersten Teil berichtet. Wie diese ausgesehen hat, zeigt folgende Ansichtskarte, die 1910 – so heißt es in der Fachsprache – „gelaufen“ ist. Es darf davon ausgegangen werden, dass die Aufnahme älter ist. Sie entstand allerdings nach 1903 und der Eröffnung der „Rurtalbahn“, deren Trasse deutlich zu erkennen ist.  

 

 

Eine handschriftliche Notiz in den Unterlagen von Hans Weismantel vermerkt diesbezüglich:

„Brücke von Abenden“ aus Dürener Volkszeitung vom 28.1.1882 Nr. 8

Schwebte schon lange das Damokles Schwert über unserer Brücke, so mußte dieselbe … (Lesung z. Zt. nicht möglich) am letzten Tage des verflossenen Jahres der eisernen Notwendigkeit … (wie vor) zum Opfer fallen. Ein … (wie vor) des Augenblickes und sie ward ein Spiel der Wellen. Noch zeigen einige Überreste die Stelle, wo vor 23 Jahren eine majestätische Brücke beide Ufer vereinte. Wird dort bald eine neue Brücke errichtet werden?

Die Notwendigkeit einer solchen erfordern jedoch Einheit und viel, ja sehr viel Geld. Erfordernisse, woran es unserer Gemeinde leider gänzlich gebricht. Da will man – möglicherweise – ähnlich wie Kreuzau u. … (wie vor) eine massive Brücke und einen sich anschließenden Steg durch den königlichen Forst bis Brück.“

Beigefügt ist ein kleiner Zettel mit folgenden Angaben:

„1856/57 Erbau der Brücke

1881 Schleifung

1882 Abriß“

Nach diesem Exkurs in die Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts möchte in diesem Teil nun Auszüge aus den Niederschriften des Abendener Gemeinderates bzw. aus Berichten über das Ende des Zweiten Weltkriegs aneinanderreihen, die sich mit dem Rurübergang befassen:

1930, um den 26.12.: Die Wasserleitung unter der Rurbrücke war undicht. Dem Unternehmer Lürgen aus Düren gelang es jedoch, „über drei Wochen hinaus durch Nachstemmung des Rohrstoßes“ die Undichtigkeit zu beseitigen.

1945, 9.2.: „Um vier Uhr nachmittags erreichten die Amerikaner Hasenfeld. Hier stießen sie auf letzten harten deutschen Widerstand, der jedoch um Mitternacht aufhörte. „Hierdurch wurden die Deutschen gezwungen, auch ihren Brückenkopf (wird beim Rückzug mit letzten Verteidigungseinheiten gehalten) westlich der Rur zwischen Bergstein, Abenden und Hasenfeld über die Rur zurückzunehmen.“   

„Rurübergang für Panzer – Während die Amerikaner noch am 28. Februar auf Abenden vorstießen, schickte die bei Schmidt liegende 78. Division ihr 311. Regiment bei Zerkall über die Rur, wo jetzt auch Panzer auf das Ostufer übergesetzt werden konnten. Heimbach und Wollersheim waren die nächsten Ziele, …“ So die 22. Folge der „Nachrichten“-Serie „Kriegs Inferno in der Heimat“ von Frank Statzner über das Geschehen gegen Kriegsende. Dr. Reinhold Heinen, Verleger der „Kölnischen Rundschau“, der später in Berg wohnte, trug die „Kriegserlebnisse in Berg vor Nideggen im Winter 1944/45“ nach einem Augenzeugenbericht zusammen. Darin heißt es:

  • In der Nacht konnte ich nur eine Fahrt (mit Munition) In Nideggen und bei Thuir waren die Munitionslager, in Nideggen an der Straße nach Abenden rechts, wo zwei Villen etwas abseits im Walde liegen, und zwar in der rechten Villa (dicht am Kurpark). Dort holte ich die Granaten und fuhr über Abenden über die Brücke, weil die Nideggener Brücke schon zusammengeschossen war, dann über das Bahngleis bis zum Hetzinger Hof.
  • Am 27.2.1945 morgens, als er in Gefangenschaft ging, und es anfing, hell zu werden, hat der Amerikaner Nideggen besetzt bis ungefähr Abenden, wobei er durch die Talmulde ging.
  • Am 20.2.1945 waren bei Abenden auf dem anderen (linken) Ufer der Rur zahlreiche amerikanische Panzer aufgefahren, die einen Schuss nach dem anderen abgaben.
  • Am sog. Predigtstuhl-Felsen (Diese Bezeichnung ist selbst alten Abendenern nicht bekannt.) an der Straße Nideggen-Abenden war eine B.-Stellung. (Artillerie-Beobachter-Stellung)

Die Brücke in Abenden wurde in der Nacht zum 20.2.1945 von uns gesprengt.  Am Weg von Berg nach Abenden oben am Eingang des Tales stand Pak (Panzerabwehrkanone), um etwa von Abenden herauf stoßende Panzer aufzufangen.
 
 

Erntedankzug während der NS-Zeit auf der Rurbrücke. (Repro: fjb)

 
1947, 25.4.: Punkt 4 der Gemeinderatssitzung: „Der Aufbau der zerstörten Brücke soll in Angriff genommen werden.
Der Gemeinderat bestimmt den Herrn Josef Nelleßen und den Herrn Peter Jansen, den Brückenbau zu leiten und zu organisieren.“

Es dauerte lange, bevor die Spuren des Zweiten Weltkriegs im Dorf beseitigt waren. Wieder dient uns die Schulchronik als Quelle: in einem Eintrag aus der Zeit des Schuljahresbeginns zu Ostern 1947 heißt es: „Das Ortsbild ist im Laufe der zwei Nachkriegsjahre wieder besser geworden. Der Schutt wurde fortgeräumt, verschiedene Häuser sind wieder neu aufgebaut, andere ausgebessert worden. Die Laufgräben hat man zugeworfen, die Minen sind von Minensuchern fortgeräumt und die Munition beseitigt worden. Die Felder wurden wieder bestellt. Der Viehbestand hat sich wieder erhöht, so daß auch bezügl. der Ernährung auf eine Besserung zu hoffen ist. Nur die öffentliche Bautätigkeit läßt zu wünschen übrig.“ Es folgt eine Beschreibung des Zustands des Schulgebäudes. „Die Rurbrücke läßt auch noch auf sich warten. Schon dreimal wurde durch die winterlichen Hochwassermengen die Notbrücke fortgerissen. Die Bahn kommt auch noch nicht bis hierhin, da bei Zerkall die Brücke noch nicht hergestellt ist. Zum Glück besteht seit einigen Monaten eine Omnibusverbindung in Richtung Heimbach und Düren, und zwar zweimal am Tage. Der Andrang dazu ist aber meistens so stark, daß nicht alle mitgenommen werden können.“

19.12.: In der Gemeinderatssitzung geht es u.a. um den Brückenbau: „Der Bau des Widerlagers (Brückenpfeiler) soll dem Bauunternehmer Gaul in Embken übertragen werden. Für das Widerlager werden 60-70 cbm Bruchsteine benötigt. Dieselben sollen in dem neu aufgemachten Steinbruch von Andreas Poschen gebrochen werden.“

1948, 27.4.: Aus der Sitzungsniederschrift des Gemeinderates: „Punkt 6: Verschiedenes. Die Gemeinde bittet, endlich an der Rurbrücke anzufangen. Hofmann hat die Ausrede, es fehlen die Unterlagen. Er würde sonst sofort anfangen. Der Gemeinderat beantragt, falls die Sache nicht weitergeht, Ermässigung des Ablieferungssolls, denn unter diesen Umständen kann das Land jenseits der Rur nicht vorschriftsmässig bearbeitet werden. 6 Tiere haben wir in der Gemeinde schon einbüssen müssen. Dies kann die Gemeinde nicht länger ertragen.“ Zur Sache: Am 27. April 1948 beschloss der Gemeinderat, dass ein Herr Hoffmann (mal mit einem, mal mit zwei „f“) einen Bauplatz im Berrefeld erhalten solle. Für das 13 Ar große Grundstück verlangte die Gemeinde 100 Goldmark je Ar. „Die Gemeinde macht es Hoffmann zur Pflicht, den Betrag in Friedenstarif an öffentlichen Gebäuden der Gemeinde abzuarbeiten.“

(Am 12. Juli 2017 meldete sich Hermann Hofmann aus Neuss telefonisch bei mir. Er ist Herrn Hofmanns Enkel, wurde 1956 in Nideggen eingeschult, wohnte aber später in Abenden, wo er auch fortan die Schule besuchte. Herr Jentgens war sein Lehrer, Thea Schmitz * Nellessen seine Klassenkameradin. Von ihr erhielt er auch diesen Bericht. Das Grundstück, um das es sich handelt, ist das im „Berrefeldweg“ Nr. 5, das Horst Ecke (†) von Familie Hofmann erwarb. Seine Lehre absolvierte Hermann Hofmann bei Franz-Josef Wollseiffen.)

Unter „Punkt 8“ der Sitzung vom 20. Juli 1948 geht es erneut um den „Brückenbau. Die Vertretung weist nochmals auf die Dringlichkeit des Bauprojektes hin und bittet, bei den massgebenden Stellen nochmals eindringlich darauf hinzuweisen, dass der Neubau der Brücke für die Existenz der Gemeinde ausschlaggebende Bedeutung hat. Der Unternehmer Hoffmann, der den Auftrag zur Wiedererrichtung des zerstörten Widerlagers erhalten hat, soll innerhalb einer Frist von 5 Tagen erklären, ob er bereit ist, die übernommene Verpflichtung, den Bau Zug um Zug durchzuführen, zu erfüllen. Wenn Hofmann ablehnt oder trotz Verpflichtung die Arbeit nicht durchführt, tritt die Gemeinde vom Vertrag mit Hoffmann zurück. In diesem Falle wird die Verwaltung bevollmächtigt, die Arbeit einem anderen Unternehmer zu vergeben.“

Am 27. September 1948 ist „Punkt 5“ der Niederschrift der Ratssitzung mit „Wiederaufbau der Rurbrücke.“ überschrieben. Hierzu teilt der Amtsdirektor mit: „Die Wiederherstellung des Widerlagers ist bis auf die obere Betonschicht abgeschlossen.“

1949, 12.5.: Die Fa. Kutsch soll, „wenn das Angebot einem Gesamtbetrag von etwa 35.000,- DM angepasst wird“ mit dem Neubau der Brücke beauftragt werden. Die Gesamtkosten betragen lt. Kreisbauamt rd. 50.000 DM, wovon sich die Gemeinde außer Stande sieht, mehr als 10% Eigenbeteiligung zu übernehmen.

Im Oktober finden wir in der Schulchronik diesen Eintrag: „Die Notbrücke über die Rur wurde wieder durch eine feste Brücke aus Eisenbeton ersetzt.“

1950, Am 10. Februar findet an der neu erbauten Rurbrücke eine Besprechung wegen der Instandsetzung der Straße statt. Ausführende Firma ist die Fa. Falter aus Schmidt. Die hierüber angefertigte Aktennotiz: „Es wurde festgestellt, dass mit den aus dem Grenzlandfonds zur Verfügung stehenden Mitteln die Strasse jenseits der Brücke vom Eisenbahnübergang bis zur Brücke und diesseits der Brücke von der Brücke bis zum Hause Nellessen ausgebaut werden kann. Zu diesem Zweck wurde vorgesehen, das Gelände von Rosenzweig bis Nellessen im Einvernehmen mit den Anliegern bezüglich der Fluchtlinie zu begradigen, um somit eine ordnungsgemäße Strassenführung zu gewährleisten.

Notbrücke mit den Häusern Riem und Nellessen in der Palander Straße

 
Mit diesen Arbeiten wurde der Bürgermeister Jansen beauftragt dergestalt, dass er dafür Sorgte trägt, dass die Arbeiten innerhalb eines Zeitraumes von 14 Tagen erledigt sind. Der bei der neuen Strassenführung störende Telefonmast (Privatanschluss [des Landwirtschaftsrates] Dr. [Franz] Küpper) soll verlegt werden. Die entsprechenden Verhandlungen mit Herrn Dr. Küpper übernimmt der Bürgermeister. Gleichzeitig müssten auch die diesseits der Rur stehenden Hochspannungsmasten (Eigentum RWE) in der gleichen Zeit abgebaut werden. Wie der Bürgermeister mitteilte, hat Herr Helfmeyer vom RWE sich bereiterklärt, dies vorzunehmen. … Der Vorschlag der Verwaltung, beiderseitig der Rurbrücke für die Zwecke der Strassenbeleuchtung je ein Kandelaber (Leuchte) mit Erdzuführung anzubringen, wurde seitens der Vertretung gutgeheissen.“ Den Auftrag hierfür erhält der Nideggener Elektromeister Kurt Nöllgen. Zur Sache: Dr. Küpper wohnte am Ende der Straße „Am Rossberg“, dort, wo man im Volksmund „em Ühlelauch“ („im Eulenloch“) sagt. 
 


Die Nachkriegsbrücke vor 1972 von der Palander Straße aus.
Wie man sieht, war das Geländer zur Rur hin aus Naturhölzern hergestellt.
 

In den Unterlagen von Reinhold Wrobel fand ich ein Programm des Kameradschaftsabends des Männergesangvereins „Liederkranz Abenden 1908“ (und des seit 1950 existierenden Frauenchors) vom 8. Februar 1969 im Hotel „Zur Post“. Das Programm – es handelte sich bei diesen alljährlichen Veranstaltungen um die Vorgänger der heutigen Kappensitzungen – umfasste stolze 21 Punkte.

Und wie es sich für Chöre gehört, wurde natürlich gemeinsam gesungen. Darum heißt es auch unter dem letzten Programmpunkt:

„ 21. Alle gemeinsam Ich tipp im Toto ….

Drom baue mir en Bröck ….

Mir worre in Huse …

Ei, Ei, Ei ….“

In dem Lied „Drom baue mir en Bröck ….“ geht es um die 1972 fertiggestellte Erweiterung der Rurbrücke. Der Text: „Drom baue mir en Bröck, is dat net allerhand? Von enem Enk nom andere, von dem Albert [Rosenzweig] bis no dem Franz [Strauch/Andersch]. Komm leve Köbes, mir drenke noch ene, dat dät uns jo kenn Schank.“ (Darum bauen wir eine Brücke; ist das nicht allerhand? Von einem Ende zum anderen, vom Albert bis zum Franz. Komm´ lieber Jakob, wir trinken noch einen, das bereitet uns ja keine Schande.)

Es ist anzunehmen, dass Text und Melodie dieses Gesangstückes von Hubert Jansen stammen. Hubert Jansen (* 1.7.1916 – † 16.11.1963) stammte aus dem Hotel „Zur Post“; neben der Leitung des Frauenchors oblag ihm auch das Spielen auf dem Harmonium während der Gottesdienste. Eine Orgel gab es erst später. Nach seinem Tod spielten eine Zeitlang Paul Saurbier (Haus „Friedenstal“) und Willi Wollseifen (Palander Straße 20) die Messen. Wenn kein Organist da war, stimmte Johann Riem in der Regel die Lieder an.

1933, 29.4.: Die Eheleute Johann Heinrich und Magdalena Lenzen (Geschäft, später: Café, heute: Haus „Mühlbach“) feiern Goldhochzeit. Aus diesem Anlass schenkt ihnen die Gemeinde ein Ölgemälde von Wilhelm Büppelmann (wohnte im heutigen Haus Enge), das die Rurbrücke und ihr Anwesen zeigt. Im Garten steht ein Obstbaum in voller Blüte; es handelte sich nach Magda Müller († 2004), der Enkelin der Jubilare, um einen Kirschbaum. Der Garten gehörte früher Familie Jansen vom Hotel „Zur Post“. Familie Lenzen erwarb ihn später, um für das 1952 eröffnete Café einen Parkplatz zu haben; der Verkauf war eine – wie Magda Müller voll Hochachtung sagte – anerkennenswerte Geste gegenüber der Konkurrenz. Links vom Brückenpfeiler das schwarze Loch ist der Einlauf des Mühlbaches, damals noch „Dorfbach“ genannt. Wie man sieht, lag die Brücke wesentlich höher, so dass eine hohe Schutzmauer zur Palander Straße hin erforderlich war. In ihr war eine Art Sitzecke eingemauert. Die Kinder machten sich gerne einen Spaß daraus, die doch recht hohe Mauer hinaufzulaufen und an der Sitzecke in Etappen hinunterzuspringen. 
 

So sah Wilhelm Büppelmann 1933 die Rurbrücke. (Repro: fjb)

 

Ansicht der Brücke und des Hauses Rosenzweig von der Palander Straße aus

 
 1949, 5.4.: Der Gemeinderat hat sich mit dem Entschädigungsantrag der Witwe Gertrud Oppenhoff zu befassen. Ihr Haus war durch die Brückensprengung so beschädigt, dass der Einsatzleiter des Amtes Nideggen 1945 die Niederlegung des Gebäudes und die Verwendung der gewonnenen Baumaterialien zur Sanierung anderer kriegsbeschädigter Wohnungen anordnete. Die Witwe ist jedoch der Ansicht, der Abbruch sei vermeidbar gewesen, weil die Schäden „mit wenigen behelfsmäßigen Mitteln hätten behoben werden können“, und fordert Schadenersatz. Die Gemeinde verweist darauf, dass sie den Abbruch nicht veranlasst habe, beauftragt aber die Verwaltung damit, „Frau Oppenhoff im Rahmen des Möglichen in den Kreis der Personen, für die demnächst Baukredite bzw. Bauzuschüsse bereitgestellt werden, einzubeziehen. Ferner soll festgestellt werden, für welche Zwecke das aus dem Hause Oppenhoff gewonnene Baumaterial verwendet worden ist.“ Zur Sache: Im Buch „Aachener Straßen in Anekdoten und Fakten“ von Rosemarie Herrmann lesen wir: „Zentrale Straße eines ganzen Viertels – Oppenhoffallee – Am 25. März 1945 wurde Franz Oppenhoff, erster Oberbürgermeister in Aachen nach der Eroberung der Stadt durch die Amerikaner, in seiner Wohnung von sogenannten „Werwölfen“, einer Art „Femeorganisation“ des damals noch kriegführenden nationalsozialistischen Deutschland, ermordet. Jahre später erst wurden die Ausführenden, alles Angehörige der SS in gehobener Position, gefaßt und gerichtlich belangt. …“ Es handelte sich um das Wochenendhaus der Familie. Noch 1970 ist die ledige, am 9. September 1896 in Aachen geborene, Maria Aug. (wohl Auguste/a) Oppenhoff als in der Mühlbachstraße 6 wohnhaft vermeldet.

Beim Waschen im Fluss an der noch zerstörten Brücke

 
1950, 3.5.: Einsegnung der Brücke durch Kaplan Junge auf den Namen „Martinusbrücke“; er war seit 1947 Kaplan in Nideggen und somit auch für Abenden zuständig. Für Oktober 1949 vermeldet die Schulchronik: „Die Notbrücke über die Rur wurde wieder durch eine feste Brücke aus Eisenbeton ersetzt. … Am 3. Mai 1950 fand die feierliche Einweihung der neuen Rurbrücke statt, woran sich alle Dorfbewohner beteiligten. Anwesend waren Vertreter des Regierungspräsidenten, die Regierungsbauräte Kuck und Wagner, der Landrat Hilger, Oberkreisdirektor Dr. Kurth, Kreisbaurat Matthes, die Amtsvertretung von Nideggen, der Bauunternehmer Kutsch und viele Gäste. Die Schulkinder trugen einen Sprechchor vor. Der Landrat durchschnitt das Band. Kaplan Junge segnete die Brücke auf den Namen „Martinusbrücke“. Der Gesangverein umrahmte die Feier mit einigen entsprechenden Chören. Anschließend war noch eine Feier im Hotel zur Post.“

Von den Schulkindern wurden aus diesem Anlass mit Lehrer Josef Saurbier an jeder der vier Ecken der Brücke eine Weide gepflanzt.

 

Maria „Mia“ Riem (†, „Tant Mie“) beim Kehren des Rurübergangs;
später übernahm Josef Jansen viele Jahre lang diese Aufgabe ehrenamtlich. 


(Maria Riem war Käthe Schusters Tante mütterlichrseits (Agnes Wergen), in deren Haus sie auch rechts im ersten Stock wohnte und die Patentante von Johann „Häns“ Riem, weshalb sie in der Familie nur „et Jöttche“ hieß. (Jott = Patin; Jöttche = kleine Patin) Hinter der fleißigen Straßenkehrerin kann man bei genauem Hinsehen erkennen, dass früher vor der Brücke gepflastert war.)
 

Wie es heißt, soll Dr. Ing. Carl Würth Mittel zum Wiederaufbau der Rurbrücke gestiftet haben. Dr. Würth war der Besitzer das Hauses „Luxemburg“ im Berrefeldweg 40, das wohl von ihm 1904 erbaut wurde. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es zerstört, später von seinem Schwiegersohn wieder aufgebaut.

1989, ca. 26.4.: Ein 27-jähriger Mann gerät kurz vor vier Uhr morgens mit seinem Wagen gegen das Geländer der Rurbrücke. Er steht unter Alkoholeinwirkung. Sein Führerschein wird eingezogen. An dem Wagen entsteht ein Schaden von 500 DM, was einem Totalschaden entspricht; der Schaden an der Brücke beläuft sich auf 5 000 DM.

1994, Der Anstrich des Brückengeländers muss erneuert werden. Ehe das aber geschehen kann, muss es gesandstrahlt werden, was aber wegen einer möglichen Verschmutzung der Rur nicht an Ort und Stelle möglich ist. So dürfte die Sache ein recht teure Angelegenheit werden. Im Rahmen der ab 2001 durchgeführten Maßnahmen zur Dorferneuerung wird es dann schließlich in der zweiten Jahreshälfte abgebaut und erneuert. Am 12. September ist es fast fertig; es fehlen lediglich noch die Betonabdeckungen über den Verschraubungen.

Die Montage endet mit einem Gag: die Eheleute Andersch laden die Monteure auf der Ausbuchtung zu einem „stilvollen“ Mittagessen ein.

Das Geländer ist fertig; die Monteure haben Mittagspause (Foto: fjb)

1995, 2./3.2.: Es ist wieder mit Farbe gesprüht worden. Diesmal waren Hundeexkremente auf der Rurbrücke sowie das Wartehäuschen im Hag die Ziele der Sprayer. Ein „Guten Morgen“ „ziert“ nun das Fachwerk.

1998, 4.11.: Ein abgetriebener umgestürzter Baum hängt vor der Rurbrücke. Die Löschgruppe muss ausrücken, um ihn zu entfernen und so evtl. Schäden zuvor zu kommen.

2001, 5.9.: Neben der Rurbrücke versenkt ein 100-Tonnen-Kran in der Palander Straße neun schwere Betonteile für das Regenrückhaltebecken ins Erdreich. Hierfür mussten vorab mehrere Oberarm dicke Wurzeln der ohnehin schon altersschwachen Trauerweide entfernt werden. Sie nahm hierbei weiteren Schaden und wurde später gefällt, um so möglicherweise Personen- und Sachschäden zu vermeiden. Im Wahlkampf 1994 hatte sie bereits eine Stütze erhalten. Links und rechts der Brücke wurden neue Bäume gepflanzt, die jetzt ebenfalls weichen mussten.

Dass die mit viel Liebe gepflegten und mit nicht unbedeutendem Kostenaufwand über Jahre am Brückengeländer angebrachten Blumen immer wieder unsinniger Weise – z.T samt der Kästen – in der Rur landeten, sei nur am Rande erwähnt! Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte, dass man beim Abriss der Brücke nahe Haus „Friedenstal“ noch zwei verschiedene Reste früherer Brücken fand. Einmal handelt es sich um Sandsteine, zum anderen um Holzbalken, die derzeit auf ihr Alter hin untersucht werden.

Die Weide Ecke Mühlbachstraße/Palander Straße am 24. September 2001:
ihre Wurzeln sind durch die Ausschachtungsarbeiten so stark geschädigt,
dass sie eine Gefahr darstellt und daher entfernt werden muss. (Foto: fjb) 

 

Nicht immer ist alles, was in der Zeitung steht, unbedingt richtig. So z.B. der Bericht in der „Dürener Zeitung“ vom 26. April 2017, in dem er heißt:

„Das zweite Stahlteil der Ersatzbrücke im Nideggener Stadtteil Abenden wird über die Rur gehoben und platziert

Nur drei Männer brauchte es, um den großen Kran an der Rur im Nideggener Stadtteil Abenden zu bedienen. Da waren der Kranführer, der aus dem Führerhaus mit Ruhe und Gelassenheit die Aktivitäten am Rurufer beobachten konnte, und seine beiden Kollegen. Die nahmen an langen Seilen kleine Korrekturen vor, so dass das zweite große Stahlteil der Ersatzbrücke über die Rur gegen 11 Uhr am Dienstagmorgen zunächst angehoben und dann präzise an Ort und Stelle platziert werden konnte.“

Das trifft aber nicht zu, denn ich machte am Abend des 25. April noch dieses Foto:

 

 

Weiter heißt es in diesem Bericht: „Der Bagger einer anderen Firma traf zu der Zeit schon Vorbereitungen, um die alte Doppelbrücke abzureißen. Der Abriss ist notwendig geworden, weil die Brücke dringend sanierungsbedürftig ist. Ein Neubau sei die langfristig wirtschaftlichere Variante, heißt es aus dem Rathaus in Nideggen. Die Kosten für die Brücke, die Ende dieses Jahres fertig sein soll, werden sich auf rund eine Million Euro belaufen. Die neue Brücke über den kleinen Fluss soll nach Ratsbeschluss auf Wunsch der Abendener Bevölkerung „Martinusbrücke“ genannt werden. Foto: Bruno Elberfeld“

(Dass sich nicht auch Unstimmigkeiten in meine Arbeiten eingeschlichen haben könnten, möchte ich nicht ausschließen.)

1903: 1.9.: Die nun vollständig ausgebaute Eisenbahnstrecke Düren-Heimbach („Rurtalbahn“) wird in Betrieb genommen. Bei Gut „Lüppenau“ muss sie die Rur überqueren, was den Bau einer Brücke, der – wie sie im Volksmund heißt – „Auelsbrücke“, erforderlich macht.

Die „Auelsbrücke“ wird wieder aufgebaut. (Repro: fjb)

1950, 14.5.: Die Eisenbahn kommt zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Abenden. Mit Gesang und Musik wird der erste Zug morgens um halb sieben empfangen. Damit sie später auch weiter fahren konnte, musste vorher die im Krieg zerstörte „Auelsbrücke“ über die Rur neu aufgebaut werden. Den Auftrag hierfür hatte die Fa. Krupp Stahlbau aus Duisburg-Rheinhausen erhalten. Gebaut wurde die Brücke u.a. von einem Abendener, der aber eigentlich erst durch diesen Bau zu einem solchen wurde: Günther Sonnen (* 1928 – † 1977). Auf Grund ihrer beruflichen Tätigkeit sind zwei weitere Männer hier „hängen geblieben“: Matthias „Mätti“ Hau († 2017) und „Mätti“ Schuster († 1992). Sie bauten – ebenso wie der aus Rötha in Sachsen kommende und seit dem 1. September 1957 mit seiner Familie „In der Au“ 7 wohnende Erich Lenz – in den Jahren 1957/58 für die Firma „BBC“ das Elektroortsnetz um und waren jeweils im Elternhaus ihrer späteren Ehefrauen (Müller, Wergen) einquartiert.

Weitere Mitarbeiter aus Abenden: Kohlenhändler Josef Schmitz (Freifläche gegenüber Café Hallmanns), Herr Beier (wohnte im Kühlenbusch im Wochenendhaus Schröder; hier betrieb Josef Rosenzweig auch eine Zeitlang Jugendarbeit); Heinrich Prinz und Josef Bourauel. Ab Oktober konnte die Brücke genutzt werden.

2002, ca. 22.10.: Die „Auelsbrücke“ wird saniert, da sie nicht mehr zeitgemäß ist. Die Gesimse werden abgebrochen und erneuert, die Geländer angepasst. Zur Sache: Als „Gesims“ wird ein aus der Mauer hervortretendes, waagerecht verlaufendes Bauglied bezeichnet. Die frühere Eisenbahnbrücke war ebenfalls mit Bruchsteinen verblendet gewesen.

16.11.: Morgens um 6:10 Uhr wird die 99 Jahre alte Brücke vom „Bühl“ zum Gut „Lüppenau“ gesprengt; sie war eine der ältesten Betonbrücken im Land und nicht mehr stabil. In 200 Bohrlöchern ist der Sprengstoff verteilt, der dann 115 Kubikmeter Beton und Mauerwerk in kleine Stücke zerfetzt. Für die letzten Vorbereitungen und die Aufräumarbeiten ruht der Bahnverkehr zwischen Abenden und Heimbach vom späten Freitagnachmittag bis Sonntagmorgen 7 Uhr. Die Reisenden werden auf diesem Streckenabschnitt so lange mit Bussen befördert. Die „Lokalzeit Regio Aachen“ des WDR berichtet abends kurz.

Die Brücke zwischen dem „Bühl“ und Gut „Lüppenau“ am Tag vor der Sprengung. (Foto: fjb)

Erbaut worden war diese Brücke deshalb, weil durch den für die Bahntrasse erforderlichen Geländeeinschnitt Gut „Lüppenau“ anders nicht mehr erreichbar gewesen wäre. Und so wird denn noch vor Weihnachten eine neue Brücke erstellt, ein Bauwerk aus Holz und Stahlstreben, das der Nideggener Diplom-Ingenieur Lorenz Cornelissen entworfen hat. Bauherrin ist – als Rechtsnachfolgerin der Erbauer – die „Dürener Kreisbahn“. Die Kosten für diese Maßnahme belaufen sich auf 250.000 €. Zur Sache: Herr Cornelissen und seine Partner zeichnen auch für den Plan der neuen Brücke im Dorf verantwortlich.

 

Nach der Sprengung.

14.12.: Wieder wird die Rurtalbahn zwischen dem Dorf und Heimbach ganztägig durch Busse ersetzt: die neue Brücke zum Gut „Lüppenau“ wird geschlagen. Die Beton-Stahlbaukonstruktion hat ein Eigengewicht von rund 14 Tonnen und ist künftig für Fahrzeuge bis 16 Tonnen befahrbar. Der Zeitplan der „DKB“ gerät jedoch bereits am Morgen in Verzug, da sich der tonnenschwere Spezialtransport samt Autokran auf dem aufgeweichten Boden im Rurtal festfährt. (Ende)